Ins Paradies mögen die Engel dich geleiten

Owen Meany und die Vergänglichkeit

Stell dir vor, du wüsstest, wann du sterben wirst. Keine bloße Vermutung, sondern Wissen. Ein so sicheres Wissen, dass du dir bereits einen Grabstein ausgesucht, und das Datum deines Todestages hineinmeißeln hast lassen. Und dann kommt der Tag, und du bist dir deiner Gewissheit nicht mehr so sicher, denn du weißt, wie du sterben wirst, doch das Wie scheint sich nicht in den Verlauf des Tages zu fügen. Und dann fallen die Würfel, alle Fäden treffen sich in einem Punkt, und du weißt, dass du recht hattest. Doch du empfindest keine Angst, denn du weißt auch, dass der, der dir deinen Tod vor so langer Zeit eröffnet hat, dich auffangen wird. Stell dir all das vor.

Oh, eines noch: nein, du bist kein Insasse im Todestrakt.

Das ist - in groben Zügen - die Geschichte Owen Meanys, des tragischen Helden in John Irvings A Prayer for Owen Meany. Owen, der sehr klein geratene und dabei noch mit einer absonderlichen Stimme geschlagene Sohn eines Steinbruchbesitzers, hat einen direkten Draht zu Gott - wenigstens glaub er das. In seinen Augen ist dieser Draht so fest, dass er sich als Instrument Gottes sieht. Und wie Gott dieses Instrument benutzt! Erst erschlägt er damit die Mutter des Ich-Erzählers Johnny Wheelwright, lehrt den Einwohnern von Gravesend die Furcht vor Dickens Geist der zukünftigen Weihnacht, und nutzt es schlussendlich dazu, Johnny von einem Zweifler zu einem tiefgläubigen Menschen zu machen. Welch eine Geschichte.

A Prayer for Owen Meany hat mich tief bewegt. Es stand schon so lange ungelesen in meinem Bücherregal, dass es für mich einfach zu meinem Wohnzimmer gehörte wie das Sofa und der Fernseher. Und es stand wirklich lange. 12 Jahre, um genau zu sein. 12 lange Jahre lebte ich in völliger Unwissenheit darüber, was für ein Juwel sein Dasein an einem wenig prestigeträchtigen Teil des Bücherregals fristete. Was mir doch die ganze Zeit enging! Allerdings vermute ich, dass ich die Geschichte um Owen und Johnny zur damaligen Zeit nicht in dem Maße zu würdigen gewusste hätte, wie ich es jetzt tue. Natürlich fehlt mir immer noch einiges an Vorwissen, um die Erzählung vollständig zu durchdringen (an erster Stelle sei der Vietnamkrieg und seine gesellschaftlichen Folgen in den USA genannt). Aber ihre geistige Tiefe kann ich heute erfassen und bewundern.

Was es zum Glauben braucht [🔗] [top]

Es gibt ein kurzes Interview mit John Irving, in dem er über die Hintergründe des Buches spricht. Er sagt darin Folgendes:

I’m not religious. I wouldn’t call myself an atheist, either. I doubt, but I’m interested. “A Prayer for Owen Meany” became the idea that what would have to happen to me in my life, who would I have to know that would make me believe? […] I constructed a story very deliberately that’s based along the lines that if I had been Owen Meany’s friend, this would have made me believe, too.

A Prayer for Owen Meany ist also Irvings Antwort auf die Frage, welche menschlichen Begegnungen ihn zu einem Gläubigen machen würden. Eine höchst faszinierende Überlegung, und auf ihre Art so vielschichtig, dass sie einer weiteren Betrachtung bedarf.

Die Figure Owen Meanys ist zweifellos dem neutestamentlichen Jesus nachempfunden: die Umstände seiner Geburt, das Wissen um seinen Tod, der unerschütterliche Wille, seiner Berufung zu folgen. Verwunderlich ist das nicht, schließlich stammt John Irving aus den USA, einem Land, das tief geprägt ist vom Christentum, und ganz besonders von einer eigentümlichen, hausgemachten Art des Christentums, die es nur dort gibt. Folgerichtig verkörpert Owen Meany eine Neuinterpretation Jesus Christus, den zu treffen John Irving zur Voraussetzung seines persönlichen Glaubens an das allgegenwärtige Christentum erklärt.

In meinen Augen ist das aber nicht der interessanteste Punkt der ursprünglichen Überlegung, was es zum Glauben braucht. Viel wichtiger ist doch, dass Irving das Bekenntnis zum Glauben auf eine Person, eine menschliche Beziehung stützt. Er hätte sich ebenso gut entscheiden können, das Für und Wider eines Glaubens auf harte Fakten und wissenschaftliche Beweise zu gründen.

Es brauchte aber nicht erst Zeiten, in denen Armeen von Bots das Internet mit Lügen und Propaganda füllen, um zu erkennen, dass der Mensch schwer empfänglich für jene harten Fakten ist. Glaube bewegt sich auch nicht im Reich der Fakten, er ist sozusagen die Antithese zum Wissen. Wie könnte ein Mensch seinen persönlichen Glauben auf beweisbare Aussagen stützen? Irwing hat also recht, wenn er ihn von einer Person abhängig macht - genau das widerfährt auch Johnny Wheelwright.

Jünger und Zweifler [🔗] [top]

Für Johnny ist Owen das, was der historische Jesus für seine Jünger gewesen sein muss: ein Lehrer, an dem dennoch gezweifelt wird. Johnny glaubt nicht wirklich an Owens direkten Draht zu Gott. Vielmehr hält er seine fixe Idee, Gottes Instrument zu sein, für ein Hirngespinst, dass ihm durch Mr. und Mrs. Meany eingepflanzt worden war. Es brauchte erst ein gewaltiges Ereignis, einen vorhergesagten Todesfall, ein Ereignis, das sich wissenschaftlich nicht erklären lässt, um alle Zweifel in Johnnys Kopf zu zerstreuen.

John ist der überlieferte Jünger Thomas, der erst die Wunden Jesu sehen muss, um an den Wiederauferstandenen zu glauben:

27 Dann spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Und Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
29 Jesus spricht zu ihm: Thomas, du glaubst, weil du mich gesehen hast; glückselig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Joh 20,27-29 (Schlachter 2000)

Johnny zweifelt an Owen, und Owen hält ihm - ganz wie Jesus - vor, ihm stünde ein wenig mehr Glauben gut zu Gesicht. Ich meine, in diesem Aspekt der Geschichte findet sich ein großer Teil von Irwing selbst. “I doubt, but I’m interested”, sagt er über sich selbst. Doch ist das alles? Ich denke, John Irwing ist nicht nur interessiert. Beim Lesen von A Prayer for Owen Meany hatte ich immer wieder den Eindruck, das Buch schreie laut heraus: ich möchte glauben! Ich bin der Meinung, so geht es vielen Menschen auf der Welt. Sie möchten glauben, doch ihnen fehlt die Begegnung mit ihrem persönlichen Owen Meany.

In paradisum [🔗] [top]

Das wie ich finde stärkste und rührendste Bild der ganzen Erzählung findet sich im Titel dieses Textes wieder. Owen Meany, allein und nur mit einer Taschenlampe und einem Gebetbuch bewaffnet, steht allein am Grab der Frau, die er, unbeabsichtigt und als Instrument Gottes, kurz zuvor erschlagen hatte, und spricht ein Gebet für sie. Das gleiche Gebet wird Johnny Wheelwright später immer und immer wieder über dem Grab Owen Meanys sprechen. Es heißt “In paradisum”:

Ins Paradies mögen die Engel dich geleiten,
bei deiner Ankunft die Märtyrer dich empfangen
und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.
Der Chor der Engel möge dich empfangen,
und mit Lazarus, dem einst armen,
mögest du ewige Ruhe haben.

In paradisum

Ein schönes Gebet, und für Owen hat es eine tiefere Bedeutung. Owen hatte den Engel gesehen. Er hatte ihn im Schlafzimmer von Ms. Wheelwhright gesehen, und Johnny hatte ihm nicht geglaubt. Und diesen Engel beschwor er dann am Grab und bat ihn darum, Ms. Wheelwright unbeschadet ins Paradies zu geleiten. Ein schönes Bild.

Was bleibt? [🔗] [top]

Immer wieder stolpert man über Geschichten, die noch lange nach der Lektüre im Kopf verbleiben. A Prayer for Owen Meany ist eine solche Geschichte. Owen mag als Figur überzeichnet sein, ein moderner Jesus, der in seiner Gewissheit, auserwählt zu sein, überheblich wirken kann. Doch würden wir uns nicht alle jene Gewissheiten für uns selbst wünschen? Wünschen wir uns nicht alle, mehr zu sein, als ein gewöhnlicher und schlechterdings durchschnittlicher Mensch? Das musst du, lieber Leser, für dich selbst beantworten.

Wir könnten uns glücklich schätzen, einen Owen Meany in unserem Leben zu haben. Und so bleibt mir nur, mit den gleichen Worten zu enden, mit denen auch John Irving seine Suche nach dem Glauben beschließt: “O God - please give him back! I shall keep asking You.”

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